| Allergie-Prävention im Kindesalter | ![]() |
Allergie-Prävention im Kindesalter bleibt Herausforderung?
Wiesbaden, 15. September 2006. Angesichts der hohen Zahl allergiekranker Kinder sind Maßnahmen zur Allergie-Prävention ein Schwerpunkt der allergologischen Forschung und der praktischen Allergologie. „Die Weichen für eine Allergiekarriere werden in der frühen Kindheit gestellt. Wir müssen bereits werdende Eltern darüber aufklären, wo die Risiken liegen. Leider stehen uns nur wenige Präventionsmaßnahmen zur Verfügung.“ Das sagte der Präsident des Ärzteverbandes Deutscher Allergologen (ÄDA), Dr. Wolfgang Rebien aus Hamburg, auf dem Jahrestreffen des Verbandes vom 15. bis 16. September in Wiesbaden.
Höchststand bei allergiekranken Kindern erreicht?
Allergien gehören zu den häufigsten chronischen Erkran-kungen im Kindesalter. Im Alter bis zu zehn Jahren sind bereits 13 bis 24 Prozent an Heuschnupfen, sieben bis zehn Prozent an Asthma bronchiale und sieben bis 12 Prozent an Neurodermitis erkrankt.1 Die Allergierate bei Kindern ist in den letzten Jahrzehnten stark gestiegen. Einige Wissenschaftler vermuten aber, dass wir den Höchststand bereits erreicht haben, da sie zwischen 1992 und 2001 in einer Untersuchung an 6.762 Schulkindern in Deutschland keinen weiteren Anstieg verzeichneten.2 Eine andere epidemiologische Studie kam allerdings zu dem Schluss, dass die Allergierate bei Kindern auch zwischen 1995 und 2000 weiter angestiegen ist.3
Die Ursachen für die Allergiezunahme in den letzten Jahrzehnten sind immer noch nicht geklärt. „Vermutlich spielt unser westlicher Lebensstil eine große Rolle: Wir leben überwiegend in Städten und halten unsere Umgebung möglichst keimfrei. Durch den verringerten Kontakt mit Bakterien und Parasiten wird das Immunsystem weniger trainiert. Dagegen sind unsere Wohnräume oft stark mit Hausstaubmilben und Schimmelpilzen, also wichtigen Allergenquellen, belastet“, erläutert der Kinderarzt und Allergologe Rebien.
Zigarettenrauch, Milben und Schimmelpilze lassen das Risiko steigen
Nach heutigem Forschungsstand sind das Stillen über mindestens vier Monate und der Verzicht auf das Rauchen in Schwangerschaft und Stillzeit sowie in Gegenwart von Kindern sehr wichtig, um das Allergierisiko zu senken. Ist Stillen nicht möglich, sollten Säuglinge hypoallergene Säuglingsnahrung erhalten. Auch Maßnahmen zur Verringerung der Belastung mit Hausstaubmilben – beispielsweise milbenundurchlässige Matratzenbezüge – und eine Eindämmung des Schimmelpilzwachstums in Innenräumen können das Risiko für Allergien verringern. Zum Allergierisiko durch Fell tragende Haustiere gibt es inzwischen so widersprüchliche Daten, dass fundierte Empfehlungen kaum möglich sind. Allerdings scheinen Katzen und Nagetiere eher mit einem erhöhten Allergierisiko assoziiert zu sein, während Hunde, wenn sie bereits vor der Geburt des Kindes im Haushalt leben, vermutlich einen schützenden Effekt haben.4
Immunsystem braucht Trainingspartner
Die so genannte Hygiene-Hypothese postuliert, dass ein unzureichendes Training des Immunsystems eine Ursache für die Zunahme von Allergien sein kann. Unsere Immunabwehr braucht in der frühkindlichen Entwicklung für die Reifung eine Stimulation durch Bakterien beziehungsweise Bestandteile von bakteriellen Zellwänden, den so genannten Endotoxinen. Ohne dieses Training entwickelt sich anscheinend leichter eine Überempfindlichkeit gegenüber Allergenen.
In dem Zusammenhang wurde auch die Bedeutung der mikrobiellen Darmbesiedelung diskutiert. Allergiekranke Kinder beherbergen in ihrem Gastrointestinaltrakt weniger Laktobazillen als gesunde Kinder.5 Klinische Studien aus Finnland haben gezeigt, dass der Kontakt mit den probiotischen Bakterien der Gattung Lactobacillus GG unmittelbar vor und nach der Geburt das kindliche Risiko für Neurodermitis anhaltend vermindern kann.6,7 ÄDA-Präsident Rebien hält diese Studien für sehr interessant: „Die Laktobazillen stimulieren das kindliche Immunsystem. Zwar müssen wir weitere Studienergebnisse abwarten, aber die Gabe von Lactobacillus-Präparaten in der frühkindlichen Entwicklung könnte eine einfache und wirkungsvolle Präventionsempfehlung werden.“
Bakterien heilen keine Neurodermitis
Angesichts der positiven Ergebnisse mit Laktobazillen in der Prävention stellt sich die Frage, ob eine Behandlung mit den probiotischen Bakterien nicht auch eine bereits bestehende Neurodermitis heilen kann. Mehrere Untersuchungen wiesen auf einen positiven Effekt hin. Eine Überprüfung durch Allergologen in Kiel und München machte diese Hoffnung jetzt aber zunichte. Die Allergologen behandelten 26 ekzemkranke Kleinkinder zweimal täglich mit Lactobacillus rhamnosus GG und verglichen den Krankheitszustand, den Medikamentenbedarf und die Lebensqualität dieser Kinder mit einer Vergleichsgruppe unbehandelter Kinder. Sie fanden keine Unterschiede.8 „Die mit Laktobazillen behandelten Kinder benötigten ebensoviel Kortison und Antihistaminika wie die anderen. Auch die Eltern der Kinder konnten keine Besserung durch die Behandlung feststellen“, sagt die an der Studie beteiligte Kieler Ärztin Dr. Regina Fölster-Holst.
Referenzen:
Impressum:
PureNature-Redaktion, März 2007
Wiesbaden, 15. September 2006. Angesichts der hohen Zahl allergiekranker Kinder sind Maßnahmen zur Allergie-Prävention ein Schwerpunkt der allergologischen Forschung und der praktischen Allergologie. „Die Weichen für eine Allergiekarriere werden in der frühen Kindheit gestellt. Wir müssen bereits werdende Eltern darüber aufklären, wo die Risiken liegen. Leider stehen uns nur wenige Präventionsmaßnahmen zur Verfügung.“ Das sagte der Präsident des Ärzteverbandes Deutscher Allergologen (ÄDA), Dr. Wolfgang Rebien aus Hamburg, auf dem Jahrestreffen des Verbandes vom 15. bis 16. September in Wiesbaden.
Höchststand bei allergiekranken Kindern erreicht?
Allergien gehören zu den häufigsten chronischen Erkran-kungen im Kindesalter. Im Alter bis zu zehn Jahren sind bereits 13 bis 24 Prozent an Heuschnupfen, sieben bis zehn Prozent an Asthma bronchiale und sieben bis 12 Prozent an Neurodermitis erkrankt.1 Die Allergierate bei Kindern ist in den letzten Jahrzehnten stark gestiegen. Einige Wissenschaftler vermuten aber, dass wir den Höchststand bereits erreicht haben, da sie zwischen 1992 und 2001 in einer Untersuchung an 6.762 Schulkindern in Deutschland keinen weiteren Anstieg verzeichneten.2 Eine andere epidemiologische Studie kam allerdings zu dem Schluss, dass die Allergierate bei Kindern auch zwischen 1995 und 2000 weiter angestiegen ist.3
Die Ursachen für die Allergiezunahme in den letzten Jahrzehnten sind immer noch nicht geklärt. „Vermutlich spielt unser westlicher Lebensstil eine große Rolle: Wir leben überwiegend in Städten und halten unsere Umgebung möglichst keimfrei. Durch den verringerten Kontakt mit Bakterien und Parasiten wird das Immunsystem weniger trainiert. Dagegen sind unsere Wohnräume oft stark mit Hausstaubmilben und Schimmelpilzen, also wichtigen Allergenquellen, belastet“, erläutert der Kinderarzt und Allergologe Rebien.
| ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
Zigarettenrauch, Milben und Schimmelpilze lassen das Risiko steigen
Nach heutigem Forschungsstand sind das Stillen über mindestens vier Monate und der Verzicht auf das Rauchen in Schwangerschaft und Stillzeit sowie in Gegenwart von Kindern sehr wichtig, um das Allergierisiko zu senken. Ist Stillen nicht möglich, sollten Säuglinge hypoallergene Säuglingsnahrung erhalten. Auch Maßnahmen zur Verringerung der Belastung mit Hausstaubmilben – beispielsweise milbenundurchlässige Matratzenbezüge – und eine Eindämmung des Schimmelpilzwachstums in Innenräumen können das Risiko für Allergien verringern. Zum Allergierisiko durch Fell tragende Haustiere gibt es inzwischen so widersprüchliche Daten, dass fundierte Empfehlungen kaum möglich sind. Allerdings scheinen Katzen und Nagetiere eher mit einem erhöhten Allergierisiko assoziiert zu sein, während Hunde, wenn sie bereits vor der Geburt des Kindes im Haushalt leben, vermutlich einen schützenden Effekt haben.4
Immunsystem braucht Trainingspartner
Die so genannte Hygiene-Hypothese postuliert, dass ein unzureichendes Training des Immunsystems eine Ursache für die Zunahme von Allergien sein kann. Unsere Immunabwehr braucht in der frühkindlichen Entwicklung für die Reifung eine Stimulation durch Bakterien beziehungsweise Bestandteile von bakteriellen Zellwänden, den so genannten Endotoxinen. Ohne dieses Training entwickelt sich anscheinend leichter eine Überempfindlichkeit gegenüber Allergenen.
In dem Zusammenhang wurde auch die Bedeutung der mikrobiellen Darmbesiedelung diskutiert. Allergiekranke Kinder beherbergen in ihrem Gastrointestinaltrakt weniger Laktobazillen als gesunde Kinder.5 Klinische Studien aus Finnland haben gezeigt, dass der Kontakt mit den probiotischen Bakterien der Gattung Lactobacillus GG unmittelbar vor und nach der Geburt das kindliche Risiko für Neurodermitis anhaltend vermindern kann.6,7 ÄDA-Präsident Rebien hält diese Studien für sehr interessant: „Die Laktobazillen stimulieren das kindliche Immunsystem. Zwar müssen wir weitere Studienergebnisse abwarten, aber die Gabe von Lactobacillus-Präparaten in der frühkindlichen Entwicklung könnte eine einfache und wirkungsvolle Präventionsempfehlung werden.“
Bakterien heilen keine Neurodermitis
Angesichts der positiven Ergebnisse mit Laktobazillen in der Prävention stellt sich die Frage, ob eine Behandlung mit den probiotischen Bakterien nicht auch eine bereits bestehende Neurodermitis heilen kann. Mehrere Untersuchungen wiesen auf einen positiven Effekt hin. Eine Überprüfung durch Allergologen in Kiel und München machte diese Hoffnung jetzt aber zunichte. Die Allergologen behandelten 26 ekzemkranke Kleinkinder zweimal täglich mit Lactobacillus rhamnosus GG und verglichen den Krankheitszustand, den Medikamentenbedarf und die Lebensqualität dieser Kinder mit einer Vergleichsgruppe unbehandelter Kinder. Sie fanden keine Unterschiede.8 „Die mit Laktobazillen behandelten Kinder benötigten ebensoviel Kortison und Antihistaminika wie die anderen. Auch die Eltern der Kinder konnten keine Besserung durch die Behandlung feststellen“, sagt die an der Studie beteiligte Kieler Ärztin Dr. Regina Fölster-Holst.
Referenzen:
- Weißbuch Allergie in Deutschland, 2. Auflage. DGAKI, ÄDA, DAAU (Ring J, Fuchs T, Schultze-Werninghaus G, Hrsg.), Ur-ban und Vogel, München 2004. ISBN 3-89935-182-7.
- Zöllner K, et al.: No increase in the prevalence of asthma, allergies, and atopic sensitisation among children in Ger-many: 1992-2001. Thorax 2005;60:545-48.
- Innes Asther M, et al.: Worldwide time trends in the preva-lence of symptoms of asthma, allergic rhinoconjunctivitis, and eczema in childhood: ISAAC Phases One and Three repeat multicountry cross-sectional surveys. Lancet 2006;368:733.
- Bowowski C, Schäfer T: Allergieprävention. Evidenzbasierte und konsentierte Leitlinie. Urban & Vogel GmbH, München 2005.
- Bjorksten B: Environment and infant immunity. Proc Nutr Soc 1999;58:729-32.
- Kalliomäki M, et al.: Probiotics in primary prevention of atopic disease: a randomised placebo-controlled trail. Lan-cet 2001;357:1076-79.
- Kalliomäki M, et al.: Probiotics and prevention of atopic disease: 4-year follow-up of a randomised placebo-controlled trial. Lancet 2003;361:1869-71.
- Fölster-Holst R, et al.: Prospective, randomized study on Lactobacillus rhamnosus in infants with moderate to severe atopic dermatitis. Brit J Dermatol 2006; in press.
Impressum:
PureNature-Redaktion, März 2007
















Haushalt 
